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Interview mit Frau Professor Karin Holm-Müller vom Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik

Frau Professor Karin Holm-Müller ist Professorin für Ressourcen- und Umweltökonomik am Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik der Universität Bonn. Seit 2015 bekleidet sie außerdem das Amt der Prorektorin für Studium und Lehre im Rektorat der Universität Bonn. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte reichen von Bestimmungsgrößen nachhaltiger Entwicklung über die institutionelle Analyse von sozial-ökologischen Systemen bis zur Bewertung unterschiedlicher Ansätze in der Umwelt- und Agrarumweltpolitik aus ökonomischer Sicht. Neben ihrem Engagement in Forschung und Lehre ist Frau Professor Holm-Müller als stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen auch in der Politikberatung tätig.


 Portrait Prof. Holm-Müller

 (c) Foto: SRU

1. Frau Professor Holm-Müller, können Sie uns einige Beispiele nennen, mit denen Sie sich in Ihrer Forschung beschäftigen?

Gerade haben wir ein Projekt beendet, in dem es um internationale Aktivitäten zum Biodiversitätsschutz ging. Im heutigen System muss ein Unternehmen, das genetische Ressourcen (z. B. für die Entwicklung von Arzneimitteln) nutzen möchte, für diese Zugangsmöglichkeit eine meist langwierige Verhandlung mit dem Land aufnehmen, auf dessen Territorium sich die Pflanze befindet. Dadurch sollen die Länder an den Vorteilen aus der Nutzung der genetischen Ressource beteiligt werden und auch einen größeren Anreiz zur Erhaltung ihrer Biodiversität bekommen. Allerdings hat dieses Verfahren erhebliche Nachteile, sodass wir untersucht haben, welche ökonomischen Vorteile ein multilateraler Fonds hätte, aus dem alle biodiversitätsreichen Länder Geld bekämen, und welche Chancen ein solcher Fonds unter realitätsnahen Annahmen hätte.

Ein anderes Projekt befasst sich mit Veränderungen der Landnutzung aufgrund gestiegener Nachfrage nach Land und nach Agrargütern in Äthiopien. Hier untersuchen wir vor allem die institutionellen Gegebenheiten und deren Einfluss auf umweltrelevante Veränderungen.

Recht nahe an meiner Aktivität im Sachverständigenrat für Umweltfragen ist ein noch in seinen Anfängen steckendes Forschungsprojekt angesiedelt, in dem wir uns mit möglichen Anpassungen der Düngepolitik beschäftigen. Wir möchten klären, welche Auswirkungen bestimmte Änderungen in der Düngepolitik auf unterschiedliche Stickstoffspezies haben könnten und inwieweit es hier Synergien zwischen Klimapolitik und Luft- und Wasserreinhaltung gibt oder ob es eher zu Problemverschiebungen kommt.

2. Durch welche Anreize kann umweltfreundliches Wirtschaften, beispielsweise im Agrarsektor, gefördert werden?

Grundsätzlich kann dies durch negative und positive Anreize erreicht werden: Als positive Anreize wären Agrarumweltprogramme zu nennen sowie die Möglichkeit des Labellings der entsprechenden Produkte, sofern dies einen höheren Gewinn erwarten lässt. Auf der anderen Seite sind auch Anforderungen von Seiten des Handels grundsätzlich in der Lage, umweltfreundlicheres Handeln zu fördern. Hierzu würden beispielsweise die Reduzierung der Pestizidrückstände oder die stärkere Besteuerung der Pflanzenschutzmittel und Stickstoffüberschüsse zählen. Letztlich setzen aber auch Verbote oder Auflagen Anreize für neue Entwicklungen, beispielsweise in der Züchtung oder in der Landtechnik.

3. Können Sie uns etwas über Ihre Arbeit im Sachverständigenrat für Umweltfragen erzählen? Was genau sind Ihre Aufgaben und womit beschäftigen Sie sich?

Im Sachverständigenrat sind wir sieben Räte aus sehr unterschiedlichen Disziplinen, von Jura über Politologie bis zu Naturschutz, Toxikologie und Ingenieurwissenschaften. Hinzu kommen noch einmal etwa doppelt so viele wissenschaftliche Mitarbeiter. Ich bin die Ökonomin im Rat und trage mit meinen Mitarbeitern dazu bei, dass vor allem Anreizwirkungen und Zusammenhänge zwischen Märkten im Blickfeld bleiben. Zurzeit arbeiten wir an unserem Hauptgutachten, das sich als eine Art Radar mit sehr unterschiedlichen Themen befasst, denen wir langfristig große Relevanz zusprechen. Meine Mitarbeiter und ich befassen uns hier vor allem mit Fragen der Energiepolitik, des Flächenverbrauchs und des Pflanzenschutzes. Ein anderes großes Thema, mit dem wir uns in den letzten zwei Jahren beschäftigt haben, ist die Problematik zu hoher Stickstoffeinträge in die Umwelt, die nicht nur auf die Landwirtschaft, sondern auch auf Verkehr und fossile Kraftwerke zurückzuführen sind.

4. Wo sehen Sie die Stärken der Universität Bonn und ihrer Partner in Bezug auf Nachhaltigkeitsforschung?

Die Universität Bonn ist in diesem Bereich sehr breit aufgestellt und kann sich den zentralen Fragen, beispielsweise nach einer nachhaltigen Lebensmittelversorgung oder dem Zusammenhang zwischen Umwelt und Ernährung, von sehr unterschiedlichen Seiten widmen. Neben den Agrar- und Lebensmittelwissenschaften, aus denen ich komme, können zum Beispiel Medizin und Soziologie, Ethik und Psychologie hier eine große Rolle spielen, um nur einige Disziplinen zu nennen. Ein interessantes Beispiel für eine solche Vernetzung bezüglich der Erhaltung und Nutzung der Artenvielfalt stellt das Netzwerk BION dar, in dem nicht nur die Universität Bonn mit ihrer ganzen Breite vertreten ist, sondern auch viele Institute und Organisationen aus der Bonner Region.

5. Was würden Sie sich für Ihre zukünftige Forschung wünschen?

Zuerst einmal wünsche ich mir persönlich auch in Zukunft Zeit, um mich der Forschung widmen zu können. Wie viel dafür in den nächsten Jahren bleibt, kann ich heute noch nicht wirklich abschätzen. Ganz allgemein wünsche ich mir aber weiterhin die Zusammenarbeit mit fantastischen Kollegen aus anderen Bereichen, die vor allem dabei helfen, neue Fragen aufzuwerfen und neue Forschungsansätze zu finden. Mir persönlich ist es wichtig, den Anwendungsbezug nicht aus den Augen zu verlieren.

Darüber hinaus brauchen wir hervorragende und innovative, angewandte Forschung, die in vielen Fällen interdisziplinär sein wird. Ganz wichtig sind auch gute Doktoranden, die ihre Themen mit großem Engagement angehen und mit denen das Arbeiten einfach Spaß macht.

6. Wie können globale Probleme in internationaler Zusammenarbeit erfolgreich gelöst werden? Welche Voraussetzungen brauchen wir dafür?

Es hat sich gezeigt, dass eine kooperative Lösung mit freiwilligen und bedeutsamen Einschränkungen aller Beteiligten nur sehr schwer zu erreichen ist. Insofern sind es vielleicht vor allem die Vorreiter, die Anlass zur Hoffnung geben. So sehe ich den Verdienst des Erneuerbare-Energien-Gesetzes nicht so sehr darin, die Gesamtemissionen in Europa gemindert zu haben. Zusammen mit dem CO2-Emissionsrechtehandel war hier die Wirkung in der Tat sehr eingeschränkt. Aber das Gesetz hat insbesondere in Deutschland die Technik im Bereich der Photovoltaik und in etwas geringerem Maße auch im Bereich der Windkraft vorangetrieben. Als Folge sind diese Technologien jetzt auch für andere Länder interessant, die aus Eigeninteresse ihre Kohlendioxidemissionen senken wollen.

 


Weiterführende Hinweise

 

Projektbeschreibung Teilprojekt „Analyse der Innovationsentscheidungen in der deutschen Winterweizenzüchtung“

Im neuesten vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Teilprojekt „Analyse der Innovationsentscheidungen in der deutschen Winterweizenzüchtung“ des Verbundprojektes „Pflanzenzüchterische Innovation bei Weizen für resiliente Anbausysteme (BRIWECS)“ sollen die Determinanten der Züchtungs- und Anwendungsentscheidung für neue Sorten und die Informationsflüsse innerhalb des „Innovationssystems Weizenzüchtung“ identifiziert werden. Entsprechend der „Theory of Induced Innovation“ lautet die Grundhypothese, dass die Züchtung neuer Sorten einen maßgeblichen Einfluss auf die erwartete Nachfrage- und Kostenentwicklung hat. Diese wird bestimmt durch die Erwartungen einer Vielzahl von Akteuren hinsichtlich der Entwicklung der zukünftigen Anbausysteme für Winterweizen, der Umweltsituation, des Marktes und des politischen Umfeldes sowie den unterschiedlichen Einflüssen der Akteure innerhalb des Innovationssystems.

Methodisch bedienen wir uns der Literaturrecherche und führen aufbauend auf Methoden zur Analyse von Netzwerken Experteninterviews mit allen Mitgliedern des Innovationssystems Weizen.

 

Weblinks:

Website Professur für Ressourcen- und Umweltökonomik

Website Sachverständigenrat für Umweltfragen

Website BION Biodiversität Bonn

Interview 3sat, Januar 2015

Vortrag in Brüssel am 24.6.2015 zur Nitratproblematik in der Landwirtschaft
 

Interview von Lisanne Riedel

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