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Interview mit Herrn Professor Stephan Conermann vom Institut für Orient- und Asienwissenschaften

Herr Professor Stephan Conermann hält die Professur für Islamwissenschaft am Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn inne. Neben seinen Forschungsaktivitäten zur Geschichte muslimischer Gesellschaften bringt sich Herr Professor Conermann auch in aktuelle Fragestellungen zum Thema Islam, Transformationsprozesse und Kulturkontakte ein. Darüber hinaus ist Herr Professor Conermann im Mai 2015 zum Prorektor für Internationales der Universität Bonn gewählt worden.

 

1. Herr Professor Conermann, in den letzten Jahren sind Sie u.a. in die Aktivitäten des „Crossroads Asia“-Netzwerks eingebunden gewesen. Können Sie uns etwas über Ihre Tätigkeiten in diesem Rahmen erzählen?

Das 2011 für sechs Jahre eingerichtete BMBF-Kompetenznetz war für mich als Islamwissenschaftler eine sehr wichtige Erfahrung, da ich (zusammen mit zwei Projektbearbeitern) der einzige Historiker unter mehr als 30 Sozialwissenschaftlern (Soziologen, Entwicklungsforscher, Humangeographen, Ethnologen, Politikwissenschaftler) war. Die Zusammenarbeit mit diesen Leuten habe ich als sehr inspirierend empfunden, da sie (im besten Fall) immer darauf bedacht sind, ihre Leitfragen aus theoretischen Überlegungen heraus abzuleiten, um dann ihre empirischen Befunde in die Theorie zurückzuspielen. Allerdings hatten wir auch immer das Gefühl, dass die Gruppe an der Arbeit von Historikern überhaupt kein Interesse hatte. Das hat meine grundsätzlichen Zweifel an einer konstruktiven Zusammenarbeit von sozialwissenschaftlich orientierten Forschern, die an gegenwärtigen Problemlagen interessiert sind, und traditionellen Textwissenschaftlern, die sich mit der Vergangenheit beschäftigen, leider eher noch bestärkt. Aber ich lasse mich natürlich gerne auch vom Gegenteil überzeugen. Über die Jahre hinweg musste ich mich auf jeden Fall in viele Theorieansätze einlesen,  die ich dann überaus gewinnbringend in die islamwissenschaftliche Forschung einbringen konnte. Ferner ist mir klar geworden, dass wir dringend eine sozialwissenschaftlich fundierte Islamwissenschaft benötigen, wenn wir auch nur halbwegs seriöse  Aussagen über den Zustand der Gesellschaften in den Ländern der sogenannten „islamischen“ Welt machen wollen. Und schließlich konnte ich das Konzept von „Crossroads Asia“ bestens auf eine historische Thematik anwenden, indem ich zusammen mit Kollegen aus Gießen und Marburg erfolgreich ein DFG-Schwerpunktprogramm zum Thema „Transottomanica. Osteuropäisch-osmanisch-persische Mobilitätsdynamiken“ einwerben konnte, das 2017 starten wird.

 

2. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen in den arabischen Transformationsländern, wie beispielsweise im Jemen?

Die jüngeren Entwicklungen in den arabischen Ländern sind bis auf wenige Ausnahmen – Jordanien, Libanon, Tunesien, Marokko – extrem bedrückend. Die Bewegungen, die im Westen gerne als „Arabellion“ oder in völlig schiefer Anlehnung an den „Prager Frühling“ als „Arabischer Frühling“ bezeichnet worden sind, waren zum einen nur kurz andauernde Phänomene, die sehr schnell autoritäre Gegenreaktionen auslösten. Zum anderen wurden medienwirksam gesellschaftliche Prozesse unter einem gemeinsamen Label zusammengefasst, die dann doch sehr unterschiedlich waren und in dem jeweiligen nationalstaatlichen Kontext gesehen werden müssen. Darüber hinaus sind zahlreiche arabische Länder politisch und gesellschaftlich innerhalb kurzer Zeit kollabiert. Die Gründe hierfür sind komplex und vielfältig und waren in diesem Ausmaß kaum vorherzusehen. Im Irak, in Syrien und in Libyen herrscht Bürgerkrieg, Ägypten verwandelt sich wieder in ein autoritatives System, und auch der Jemen droht an seinen inneren Spannungen zu zerreißen. Noch immer  kämpfen arabische Staaten unter der Führung von Saudi-Arabien gegen vom Iran unterstützte Huthi-Rebellen. Ein Ende ist nicht abzusehen, ebenso  wenig eine zukunftsträchtige Lösung. Irgendwie ist die ganze Situation sehr deprimierend. Was den Jemen angeht, so sind wir immer auf dem Laufenden, denn an meinem Lehrstuhl verfolgt und begleitet Marie-Christine Heinze im Rahmen von zwei Projekten (VW-Stiftung, DAAD) seit Jahren die Entwicklung vor Ort.

 

3. Welche Punkte sind aus Ihrer Erfahrung heraus für einen toleranten und differenzierten Umgang mit dem Islam in Europa zu beachten?

Irgendwie kommt mir die Frage nicht richtig formuliert vor. Einen Umgang mit „dem Islam“ kann es ja nicht wirklich geben, vielmehr geht es doch eher um die Integration von sehr unterschiedlichen Personen muslimischen Glaubens in europäische Gesellschaften. Die Erfahrungen, die Länder wie Großbritannien, die Niederlande, Frankreich und Deutschland seit 1945 diesbezüglich gemacht haben, sind allerdings viel zu divers und von dem jeweiligen nationalen Kontext abhängig, als dass man sie sinnvoll auf einen „europäischen“ Nenner bringen kann. In Deutschland wurden und werden die Probleme, Hintergründe und Perspektiven einer Eingliederung von Muslimen sehr unterschiedlich und überaus kontrovers diskutiert, wobei die Medien leider immer zu Zuspitzungen und dichotomischen Aussagen neigen. Sieht man sich die zahlreichen sozialwissenschaftlichen Studien zur Befindlichkeit der islamischen Bevölkerungsgruppe in der Bundesrepublik einmal genauer an, so scheint das grundsätzliche Problem – zumindest bei den Menschen mit türkischem Migrationshintergrund – eigentlich ein soziales, weniger ein religiöses zu sein. Es ist einfach nicht gelungen, dieses wichtige gesellschaftliche Segment in den Bildungskreislauf und damit auch in den Arbeitsmarkt zu integrieren.  Darüber hinaus war und ist es problematisch, den Islam als Religion in das seinerzeit gewollte symbiotische Verhältnis von christlichen Kirchen und Staat in Deutschland einzufügen. Und schließlich bleibt die Diskussion über die Ausrichtung der deutschen Gesellschaft – hybrid und multikulturell oder „deutsch-national-christlich“ – weiterhin angespannt. Bis 2015 zeichnete sich insgesamt eine eher tolerante Vision der Zukunft unseres Landes ab, doch hat die Aufnahme von über einer Million – zumeist muslimischen – Flüchtlingen im Jahre 2015 die Situation vollkommen unübersichtlich gemacht, sodass wir auf eine Prognose der weiteren Entwicklung unserer Gesellschaft momentan tunlichst verzichten sollten. Gefragt ist meiner Ansicht nach eine wirklich politische Vision, die ich aber zurzeit nicht erkennen kann.

 

4. Wo sehen Sie die Stärken der Universität Bonn und ihrer Partner in Bezug auf Nachhaltigkeitsforschung?

Zu diesem Thema lässt sich sehr viel sagen. Ich möchte eventuell einmal so beginnen: die Universität Bonn ist sicher – auch im weltweiten Wettbewerb – eine sehr gute Hochschule. Allerdings wäre ich doch vorsichtig, das Wort „exzellent“ allzu häufig zu gebrauchen. Wir haben jedoch in der Tat einen zentralen Vorteil gegenüber allen anderen Universitäten, und das ist der einmalige Standort Bonn. Neben zahlreiche Forschungsinstituten und den wichtigsten deutschen Wissenschaftsförderorganisationen sind in Bonn über 150 nationale und internationale Organisationen, darunter 19 UN-Einrichtungen, beheimatet, die sich mit dem Problem der nachhaltigen Entwicklung befassen. Dieses Thema ist weder abgenutzt noch langweilig, sondern wird uns alle noch auf allen Ebenen in der Zukunft beschäftigen. Erst im letzten Jahr haben die 193 Mitgliedsstaaten der UNO auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in New York einstimmig 17 „nachhaltige Entwicklungsziele“ benannt, zu denen u.a. Ernährung, Wasserversorgung, Energie, Bildung, Armutsbekämpfung, Gesundheit, Klimawandel, Umwelt und Arbeit zählen. Wir als Universität widmen uns diesen Bereichen nicht nur in verschiedenen wissenschaftlichen Zusammenhängen – etwa im Rahmen unseres sehr erfolgreichen und weltweit anerkannten Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) –, sondern wir versuchen auch, in der Bonner Region gezielt als zentraler Netzwerker aufzutreten. Leider finden diese Aktivitäten zurzeit noch an zwei unterschiedlichen Orten statt: Zum einen in der Abt. 6.4 des Dezernats für Internationales in Nachfolge der Koordinierungsstelle „Nachhaltige Entwicklung in der internationalen Zusammenarbeit“, und zum anderen in dem am Forum Internationale Wissenschaft angesiedelte „Ressort Strategische Partnerschaften“. Das ist etwas unglücklich, und die Aktivitäten sollten möglichst bald gebündelt werden. Darüber hinaus muss man leider auch feststellen, dass man bisher die Einmaligkeit des Bonner Standortes zentral noch nicht optimal genutzt und in eine universitäre Gesamtstrategie eingebunden hat.

 

5. Was würden Sie sich für Ihre zukünftige Forschung wünschen?

Ich denke, dass ich persönlich bereits die bestmöglichen Forschungsbedingungen habe. Da in den letzten sechs Jahren eine ganze Reihe von Drittmittelanträgen bewilligt worden sind, an denen ich federführend beteiligt war, stehen mir momentan ausreichend Gelder zur Verfügung, um einerseits zahlreichen hochqualifizierten Doktoranden und Postdocs eine Stelle zu finanzieren, und um andererseits ohne viel Aufwand alle nötigen Infrastrukturen (Fellows, Gastwissenschaftler, Konferenzen, Workshops, Arbeitsplätze, Räumlichkeiten etc.) bereitzustellen. Gerade die großen Verbundprojekte (Kollegforschergruppe, BMBF-Kompetenznetz, Schwerpunktprogramm) bringen zudem ein hohes Maß an Internationalität und Interdisziplinarität mit sich, das für ein überaus konstruktives, fruchtbares und vor allem produktives Arbeitsumfeld sorgt. Schließlich habe ich seit einiger Zeit – ein wenig in Anlehnung an die Naturwissenschaften – eine Reihe von sehr effizienten Projektgruppen ins Leben gerufen, in denen sich wirklich sehr engagierte jüngere Forscher gemeinsam über einen längeren Zeitraum hinweg innovative Felder erschließen. Wie gesagt, momentan kann ich mir kaum optimalere Umstände vorstellen. Vielleicht wäre es bisweilen nicht schlecht, ein wenig mehr Zeit für Forschung zu haben…

 

6. Wie können globale Probleme in internationaler Zusammenarbeit erfolgreich gelöst werden? Welche Voraussetzungen brauchen wir dafür?

Es zeichnet sich immer mehr ab, dass das „kurze“ 20. Jahrhundert (1914-1989) mit all seinen Verwerfungen und Narrationen tatsächlich aufgehört hat, als zentraler Referenzrahmen für Handlungsoptionen des 21. Jahrhunderts zu fungieren. Die globale Vormachtstellung Europas ist definitiv beendet, aber auch die USA konnten sich nicht als Hegemon etablieren. Neue Ordnungsentwürfe zeichnen sich auf internationaler Ebene momentan nicht ab, die Polyzentralität hat zugenommen. Immer mehr Player tummeln sich auf dem globalen Parkett. Gerade die letzten beiden Jahre mit der Annexion der Krim durch Russland, dem Ukrainekonflikt, der Etablierung des Islamischen Staates, den Terroranschlägen von Paris und Brüssel, der Implosion des Nahen Ostens, der Euro- und Griechenlandkrise und dem massiven Problem der nach Deutschland drängenden Flüchtlinge zeigen die mannigfaltigen Probleme, vor denen eine Weltgemeinschaft steht, die letztlich über keine gemeinsamen wirksamen Institutionen verfügt. Hinzu kommen noch die großen Herausforderungen, die sich mit den oben genannten Sustainable Development Goals verbinden. Insofern fehlt es momentan global gesehen leider an einigen Voraussetzungen, um die wichtigsten Herausforderungen in internationaler Zusammenarbeit erfolgreich zu lösen. Aber das sollte uns natürlich nicht hindern, in kleinen Schritten voranzuschreiten und sich bietende Gelegenheiten auf allen Ebenen zu nutzen. Die Zukunft ist offen und Prognosen haben sich bisher nur zufällig als richtig erwiesen.    

  


Weiterführende Hinweise

 

Projektbeschreibung (in englischer Sprache) “Academic Approaches to Peace Building and State-Building in Yemen. Kooperationsprojekt der Universität Bonn mit der University of Sana'a“ (DAAD - 01.01.2016-31.12.2017):

Against  the  backdrop  of  the  ongoing  war  in  the  country,  this  project  aims  at contributing to peace-building and state-building in the country. This objective is to be achieved by strengthening ties between researchers, academic staff, students and – subordinately – to  experts  in  the  policy  and  development  community  in  order  to develop  ideas  and  find  new  ways  of  academic  support  to  respective  endeavors.  A particular  focus  will  be  on  the  promotion  and  support  of  young  academics  and women. Practically,  the  project  will  focus  on  joint  workshops  and  conferences,  a  summer university,  a  project  website  and  a  series  of  policy  papers.  Due  to  the  security situation  in  the  country  and  the  fact  that  the  German  Embassy  in  Yemen  remains closed, activities in 2016 (and possibly also 2017) will take place in Amman, Jordan, which  remains  accessible  to  Yemenis  and  where  a  number  of  practitioners  and policymakers working on Yemen are currently based as well. The project thus sits at the  nexus  of  academia  and  policy  and  will  enhance  the  real-life  applicability  of research results as well as the employability of student participants.

 

Weblinks:

Profilseite Prof. Dr. Stephan Conermann

Website Islamwissenschaft

Crossroads Asia

 

Interview von Lisanne Riedel

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