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Interview mit Frau Dr. Nadine Reis vom Geographischen Institut der Universität Bonn

 

 

1. Frau Dr. Reis, Sie beschäftigen sich vorrangig mit den Themen Wasserversorgung und Wassermanagement. Was sind Ihrer Erkenntnis nach hier die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen?

Für die Beantwortung dieser Frage muss man zunächst fragen, wer die Akteure sind, die beim Thema Wasserversorgung und Wassermanagement entscheidungsmächtig sind. Auch wenn die Privatwirtschaft in einigen Ländern in häusliche Wasserversorgung involviert ist, so sind staatliche Akteure doch immer noch die zentralen Entscheidungsträger, vor allem im Entwicklungskontext. Ich befasse mich daher vor allem mit der Frage, wie Entscheidungen in staatlichen Bürokratien getroffen werden und wie Politik letzten Endes ‚gemacht’ wird. Das heißt ich versuche die Handlungsrationalitäten von staatlichen Akteuren zu analysieren und so Antworten auf die Frage nach dem ‚Warum?’ der Wasserprobleme zu geben.

Obwohl es in verschiedenen Weltregionen wesentliche Unterschiede in den spezifischen Problematiken des mangelnden Zugangs zu sauberem Wasser gibt, gibt es auch Gemeinsamkeiten. Im Süden Vietnams beispielsweise, einer feuchttropischen Deltaregion, liegt das Problem für die Menschen in der Verschmutzung des Flusswassers, das sie für ihren täglichen Bedarf und auch als Trinkwasser nutzen. In Zentralmexiko, einer relativ regenarmen Gegend, ist es eher ein Problem der absoluten Verfügbarkeit von Wasser, also wer hat einfachen Zugang zu Wasser, um damit seinen Garten zu bewässern, und wer muss nachts stundenlang wach bleiben, um die wenigen Stunden, in denen es wöchentlich Wasser aus der Leitung gibt, nicht zu verpassen. Gemeinsam ist beiden Fällen, dass es immer Verlierer und Gewinner der aktuellen Situation gibt. Die Interessen verschiedener gesellschaftlicher Klassen werden im Staat verhandelt und setzen sich bei der Entscheidungsfindung – etwa in Bezug auf Technologien oder Organisationsstrukturen – unterschiedlich gut durch. Es gibt im Staat immer Akteure, die vom Status Quo der Art des Politik-Machens profitieren. Die zentrale Herausforderung bei der Lösung der Probleme liegt also meiner Ansicht nach in der entsprechenden Aushandlung von Interessen und in der Änderung von Machtverhältnissen.

2. Darüber hinaus untersuchen Sie den Zusammenhang zwischen formellen und informellen Strukturen in der Politik, um herauszufinden, wie Politik für nachhaltige Entwicklung letzten Endes beeinflusst wird. Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

In unserer gegenwärtigen Moderne herrscht ein sehr starker Glaube daran, dass sowohl gesellschaftliche Verhältnisse als auch die natürliche Umwelt durch formelle Strukturen, d.h. offiziell festgelegte, standardisierte, ‚rationalisierte’ Organisationsformen und bürokratische Prozesse, gesteuert und verändert werden können. Dies zeigt sich zum Beispiel anhand sich stets vergrößernder Bürokratieapparate nationaler und internationaler Organisationen, die dem Zweck der Nachhaltigkeit dienen sollen und der entsprechenden unüberschaubaren Masse an ‚policy’-Dokumenten, wo alles über ‚gute Politik’ für nachhaltige Entwicklung nachzulesen ist.  Die Forschung zeigt jedoch, dass formelle Strukturen nicht automatisch die gewünschten Effekte, wie ökologische Nachhaltigkeit, erzielen: sie sind tatsächlich nur lose an die bestehenden Verhältnisse gekoppelt. Informelle Strukturen – d.h. nicht-formell festgelegte, ‚unentschiedene’, aber trotzdem real vorhandene Mechanismen, die Handeln strukturieren – sind häufig weitaus wirkmächtiger in Bezug auf die real existierenden Phänomene, wie zum Beispiel die Degradation von Wasserressourcen. In meiner Forschung interessiert mich daher besonders, wie formelle und informelle Entscheidungsstrukturen zusammenhängen. Eine Frage ist zum Beispiel, welche Rolle das Vorhandensein formeller policies, spezieller administrativer Einheiten und Abläufe usw., für die Legitimation staatlicher Macht spielt, auch wenn diese letzten Endes nichts an den Problemen verändern. Die zentrale Frage, die mich dabei antreibt ist, inwieweit formelle Strukturen tatsächlich Probleme lösen können und unter welchen Bedingungen sie dies können. Also die Frage: (Wie) Ist ‚gute’ Politik möglich? Besonders spannend sind hierbei die historisch gewachsenen kulturellen Unterschiede in verschiedenen Staatsbürokratien.

3. Woran arbeiten Sie aktuell?

Derzeit arbeite ich an einem Projekt zur Kontrolle über Land in Mexiko – ein hochaktuelles Thema, da sich momentan große Verschiebungen in der Landnutzung ergeben, die oft von den Aktivitäten des globalen Finanzkapitals her rühren.

4. Wo sehen Sie die Stärken der Universität Bonn und ihrer Partner in Bezug auf Nachhaltigkeitsforschung?

Fragen von sozial und ökologisch nachhaltiger Entwicklung sind globaler Natur. Die Stärke der Universität Bonn sehe ich daher im Bereich der Entwicklungsforschung. WissenschaftlerInnen am Geographischen Institut, dem Zentrum für Entwicklungsforschung, dem Interdisziplinären Lateinamerikazentrum und anderen Instituten beschäftigen sich mit den globalen Dimensionen von Armut und Umweltveränderungen, die zentralen Themenbereiche nachhaltiger Entwicklung.

5. Was würden Sie sich für Ihre zukünftige Forschung wünschen?

Sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung, die sich kritisch mit unserer Gesellschaft auseinandersetzt und nicht zuvorderst dem ökonomischen Mehrwert dient, steht leider immer mehr unter finanziellem Druck von Seiten der Politik. Beispielsweise ist das vorranginge Ziel des neuen  EU-Forschungsförderungsprogramms die Finanzierung von Projekten, deren Ergebnisse sich in vermarktbare Technologien umsetzen lassen. Meiner Meinung nach ist ein gutes Leben in unserer Gesellschaft nur möglich, wenn Wissenschaft möglichst frei von ökonomischen Denkzwängen ist. Das ist auch eine Grundvoraussetzung für Demokratie. Ich würde mir daher wünschen, dass der enorme ökonomische Wettbewerb in der Wissenschaft hinter die Freiheit der Wissenschaft zurücktritt. Das hieße konkret auch, dass sich PostdoktorandInnen mehr auf inhaltliche Arbeit und gute Lehre konzentrieren können, statt ständig mit dem teilweise zermürbendem Kampf um knappe Stellen und Forschungsgelder beschäftigt zu sein.

 

Weiterführende Hinweise

 

Projektbeschreibung WISDOM:

Das Ziel des WISDOM-Projekts (Water-related Information System for the Sustainable Development of the Mekong Delta) ist die Erarbeitung und Implementierung eines Informationssystems für das Mekong Delta, welches Informationen aus verschiedenen Feldern einschließt: Hydrologie, Soziologie, Informationstechnologien und Erdbeobachtung. Das Projekt ist in 2005 aus einer gemeinsamen Initiative des Ministry of Science and Technology (MOST) in Vietnam und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) entstanden.

 

Aktuelle Publikationen:

Reis, N., Mollinga, P.P. (forthcoming in 2015): Policy Practices and the Idea of the Vietnamese State: On the Cultural Political Economy of Domestic Water Supply in Vietnam. In: Asian Studies Review.

Reis, N. (2014): Coyotes, Concessions and Construction Companies: Illegal water markets and legally constructed water scarcity in Central Mexico. In: Water Alternatives 7(3): 542-560.

Reis, N. (2013): Civil society and political culture in Vietnam. In: Waibel, G.; Ehlert, J. & H. Feuer (eds.). Southeast Asia and the Civil Society Gaze: Scoping a Contested Concept in Cambodia and Vietnam. London: Routledge.

Reis, N., Mollinga, P.P. (2012): Water supply or ‘beautiful latrines’? Microcredit for Rural Water Supply and Sanitation in the Mekong Delta, Vietnam. In: Austrian Journal of South-East Asian Studies 5, 1, 10-29.

Reis, N. (2012): Tracing and Making the State. Policy Practices and Domestic Water Supply in the Mekong Delta, Vietnam. Berlin: LIT.

Reis, N. (in collaboration with the expert group on world economy and social ethics of the German conference of Catholic bishops) (2012): Den Hunger bekämpfen. Unsere gemeinsame Verantwortung für das Recht auf Nahrung. Herausgegeben von der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe für weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn.

 

Links:

Website Dr. Nadine Reis

Projektseite WISDOM

 

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