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Interview mit Frau Dr. Doreen Muth vom Institut für Virologie


1. Frau Dr. Muth, Sie setzen sich in Ihrer Forschung bereits seit einigen Jahren mit verschiedenen gefährlichen Viren auseinander, darunter auch mit dem Ebolavirus. Was veranlasste Sie nun dazu, vor Ort in Liberia zu helfen?

Das war für mich keine große Frage. Dafür hat die einfache Tatsache ausgereicht, dass Hilfe benötigt wurde und ich diese Hilfe geben konnte. Das Koordinierungsteam des „European Mobile Laboratory Projects“ (EMLab) in Hamburg hatte zu dem Zeitpunkt virologische Institute in ganz Europa angeschrieben und Freiwillige gesucht, die die Feldlabore vor Ort betreuen können. Da ich die erforderlichen praktischen Voraussetzungen erfüllte und relevante Erfahrungen in dem Bereich gesammelt hatte, habe ich mich nach Rücksprache mit meinem Chef, der mich für den Einsatz freistellen musste, direkt gemeldet.

2. Wie gestaltete sich Ihre tägliche Arbeit vor Ort? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Richtig alltäglich war die Arbeit letztlich natürlich nicht. Zunächst war für unser Team vorgesehen, dass wir in dem Dorf Foya ganz im Nordwesten Liberias für die Behandlungseinheit der Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières, MSF) die tägliche Diagnostik betreiben. Das bedeutete, die Patientenproben auszuwerten und in „Ebola positiv“ und „Ebola negativ“ einzusortieren. Als wir ankamen, hatte die Behandlungseinheit schon seit einem guten Monat keine Patienten mehr. Wir haben trotzdem täglich Ebola-Diagnostik an sogenannten „community deaths“, also Verstorbenen der Region, durchgeführt, da es immer noch eine Meldepflicht für Tote gab. Es sollte weiterhin beobachtet werden, ob unter den Toten noch Ebola-Fälle zu verzeichnen waren. Es wurden von uns jedoch deutlich weniger Fälle geprüft, als wir angenommen hatten, und alle Proben, die wir bearbeiteten, waren „Ebola negativ“. Aufgrund dieser guten Entwicklung im Norden Liberias wurden die MSF, und damit auch wir, von dem Standort abgezogen. Das EMLab wurde dann nach Freetown, Sierra Leone, beordert. Dort sollten wir die Diagnostik für eine Behandlungseinheit des Gesundheitsministeriums im Vorort Hastings betreiben. Zunächst bestand unsere Aufgabe aber darin, die passenden Räumlichkeiten für das zukünftige Labor zu finden und es nach unseren Vorstellungen ausstatten zu lassen. Wir mussten uns überlegen wie viele Tische, Klimaanlagen oder Ventilatoren wir brauchen, wo die Steckdosen und Regale hinkommen sollten - wir waren also für die komplette Grundausstattung verantwortlich. Mein Team und ich konnten dann leider nur noch das Labor einrichten, bevor wir wieder zurück in die Heimat geflogen sind. Benjamin Meyer und sein Team haben es dann anschließend von Ende Dezember bis Ende Januar betrieben.

3. Was ist Ihrer Erfahrung nach für die Ebola-Aufklärung besonders wichtig? Was sollte man über das Virus wissen?

Im vorliegenden Fall war es am wichtigsten, den Menschen zu erklären, dass Ebola eine Krankheit und kein Fluch oder Ähnliches ist. Die vielen Plakate mit der Aufschrift „Ebola is real“ und ähnliche Kampagnen sollen das deutlich machen. Danach ist es wichtig, den Leuten zu erklären, dass es eine ansteckende Krankheit ist und man im Umgang mit Patienten sehr vorsichtig sein muss, um sich nicht selbst zu infizieren. Das gilt insbesondere für die vielen Menschen, die sich den Patienten annehmen möchten, sie behandeln möchten und damit helfen wollen, dass es sowohl dem Patienten als auch den Angehörigen wieder gut geht. Also die Punkte „Prävention“, wie schütze ich mich, und „Hilfe“, wir sind da und helfen und nehmen euch ernst, sind meiner Ansicht nach die wichtigsten.

4. Wie schätzen Sie die langfristigen Auswirkungen solcher Epidemien auf betroffene Länder, wie beispielsweise Guinea, Liberia und Sierra Leone, ein?

Dazu fehlt mir politisches und sozialwissenschaftliches Wissen. Sicher ist es nicht hilfreich, dass ausgerechnet Länder betroffen sind, die sich gerade vom Bürgerkrieg erholen wollen. Ich kann nur hoffen, dass die Länder nicht stigmatisiert werden. Was ich von Liberia und Sierra Leone gesehen habe, war landschaftlich so überwältigend, dass ich nur jedem empfehlen kann, es sich selbst anzuschauen.

5. Woran arbeiten sie aktuell am Institut für Virologie?

Ich bin Molekularbiologin, arbeite mit Coronaviren und untersuche ihr Wirtsspektrum und ihre Strategien, das Immunsystem zu umgehen. Coronaviren umfassen hauptsächlich gewöhnliche Erkältungsviren, aber zwei Vertreter haben es zu besonders negativem Ruhm gebracht: Erstens das Coronavirus, das das schwere akute Atemwegssyndrom verursacht und 2003-2004 weltweit etwa 8000 Menschen infiziert hat, von denen ca. 800 starben. Und zweitens das Middle East Respiratory Syndrome (MERS)-Coronavirus, das zum ersten Mal im September 2013 beschrieben wurde und seitdem über 900 Menschen infiziert hat, von denen mehr als 400 verstarben. Mit diesen beiden Viren beschäftige ich mich hauptsächlich.

6. Wo sehen Sie die Stärken der Universität Bonn und ihrer Partner in Bezug auf Nachhaltigkeitsforschung?

Da kann ich nur für unser Institut sprechen: Wir sind nachhaltig in dem Sinne, dass wir in die Zukunft sehen möchten und die dazu notwendigen Hilfsmittel und erhaltenen Informationen für alle zugänglich machen wollen, um damit Vorbeugung zu leisten. Unsere Stärke besteht darin, dass wir weltweit über ein großes Netz an Kooperationspartnern verfügen. Wir suchen und finden neuartige Viren in Afrika und Mittelamerika. Zu Hause untersuchen wir diese Neulinge auf ihr Potential, Krankheiten im Menschen auszulösen.
Durch Kooperationen im In- und Ausland sind wir in der Vergangenheit in der Lage gewesen, extrem schnell auf eine neue Krankheit zu reagieren. Das war beispielsweise besonders hilfreich und wichtig bei der zunehmenden Verbreitung des MERS-Coronavirus in den letzten Jahren. Wir konnten innerhalb kürzester Zeit diagnostische Untersuchungsverfahren entwickeln und haben Einsichten in die grundlegenden Replikationsstrategien des Virus gewonnen, um so Verhaltensvorschläge unterbreiten zu können, die die Epidemie eindämmen.

7. Was würden Sie sich für Ihre zukünftige Forschung wünschen?

Für Forschungsideen und -projekte gibt es in Deutschland eigentlich gute Fördermöglichkeiten. Die Menschen, die diese Ideen und Projekte umsetzen, bekommen aber leider immer nur temporäre Sicherheit. Das Thema wird bereits vielseitig diskutiert, aber ich denke, die Forschung verliert exzellentes Personal aufgrund der Planungsunsicherheiten. Dabei bauen sich Kooperationen in der Virologie quasi ständig neu auf und aus. Auf Tagungen und Symposien lernt man schnell neue Arbeitsgruppen kennen, und es herrscht eine erfrischende Zwanglosigkeit unter uns Virologen, wodurch Ideen und Pläne einfach besprochen und gemeinsam bearbeitet werden können. Ich kann mir kein produktiveres Umfeld vorstellen.

8. Wie können globale Probleme in internationaler Zusammenarbeit erfolgreich gelöst werden? Welche Voraussetzungen brauchen wir dafür?

Die grundlegendsten Voraussetzungen sind wohl eine erfolgreiche Kommunikation und unkomplizierte Hilfsbereitschaft. Wichtige Informationen müssen immer klar auf dem Tisch liegen und für alle zugänglich sein. Niemand sollte Informationen zurückhalten, um vermeintliche Vorteile daraus zu ziehen. Darüber hinaus sollte die Entwicklungszusammenarbeit auf einem gegenseitigen Prinzip basieren, und die Unterstützungen sollten nicht an Gegenleistungen gebunden sein.

 

Weiterführende Hinweise


Projektbeschreibung „EMLab“:

Das Projekt „Establishment of Mobile Laboratories for Pathogens up to Risk Group 4 in Combination with CBRN Capacity Building in Sub-Saharan Africa” (EMLab) wird von der Europäischen Kommission finanziert und vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) durchgeführt. Es hat zum Ziel, ein bewegliches und voll ausgestattetes Labor aufzubauen, das im Fall einer Epidemie an den Ort des Geschehens verlegt werden kann, um vor Ort mit Hilfe neuester Technologie und speziell ausgebildetem Personal bei der Diagnostik zu helfen. Bis April 2014 waren je ein Labor in Tansania, Nigeria und Deutschland stationiert. Dort wurde nicht nur Personal ausgebildet, sondern auch Testverfahren für den Einsatz im Krisengebiet optimiert. Das Projekt beinhaltet auch Trainings mit Teilnehmern der europäischen und afrikanischen Partnerinstitute. Seit April 2014 wurden nach und nach alle mobilen Labore nach Westafrika verlegt, um mit Blick auf den anhaltenden Ebola-Ausbruch Unterstützung zu leisten.

 

Links:

Website Institut für Virologie

Website EMLab

Website BNITM

Pressemitteilung Ebola-Einsatz (05.11.2014)

Pressemitteilung MERS (09.04.2015)
 

Interview von Lisanne Riedel

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